Wie zu Saisonbeginn erwartet, kämpfen wir dieses Jahr um den Klassenerhalt. Gegen Ebersberg, diesbezüglich einen direkten Konkurrenten, wollten wir unsere Aussichten weiter verbessern und das gelang. Insgesamt finde ich den Sieg verdient, denn wir benötigten nicht übermäßiges Glück für unsere viereinhalb Punkte. Einige Partien liefen schon früh in unserem Sinne: Christians Gegner konnte das typische schwarze Katalanisch-Problem nicht lösen, wie er seinen Damenflügel vernünftig entwickeln sollte, und dies wurde mit jeder Vereinfachung sichtbarer. Daniel hatte schon früh stabilen Positionsvorteil im Zentrum und am Königsflügel. 

Antonio wurde von Lettisch überrascht, aber dann nahm er einfach immer mehr Material mit, welches der Gegner opferte, ohne aber ausreichend Initiative dafür zu entwickeln. Umgekehrt stand Mike schon früh unter einem gefährlich aussehenden Angriff, für den der Weiße ein bis zwei Bauern opferte. Andreas hatte mit Schwarz nicht ausgleichen können. Die ungleichfarbigen Läufer gaben Hoffnung auf ein Remis, aber sein Gegner nutzte geschickt die größere Aktivität seiner Figuren. Bei Thomas war in ruhiger Stellung nicht viel los, während es bei Emin kompliziert wurde. Sein Gegner opferte zunächst eine Figur für eine Menge Spiel und verschiedene Abwicklungen ergaben alle möglichen materiellen Ungleichgewichte. Beim schnellen Durchspielen sieht Emins Stellung für mich schwierig aus, aber die eine oder andere Stelle scheint geeignet für eine Notbremse. Ob dies so stimmt oder nicht: Jedenfalls war es eine schwere Aufgabe, die schwarze Welle aufzuhalten, und Emin musste bald nach dem 40. Zug aufgeben. Zu dieser Zeit hatte Thomas remisiert und Antonio folgerichtig gewonnen. In den anderen Partien gab es schon eindeutige Tendenzen, mittlerweile auch bei mir. Ich hatte einen Igel ohne Theoriekenntnisse überlebt, und nachdem mein Gegner später noch einmal an seiner Chance auf Vorteil vorbeigegangen war, lief die Partie immer mehr in meine Richtung. Objektiv war wohl noch nicht viel los, aber in Zeitnot übersah mein Gegner ein Springermanöver, so dass sein Gegenspiel wieder auf ihn zurückfiel. Schließlich hatte ich einen Mehrbauern im Springerendspiel, den ich verwandeln konnte. Christian war da schon im Leichtfigurenendspiel in den gegnerischen Damenflügel einmarschiert und hatte gewonnen, während Mike verloren hatte. Die halbe Partie über hatte er damit verbracht, seinen Königsflügel zusammenzuhalten, aber am Ende setzte sich die weißfeldrige Überlegenheit des Gegners durch. Andreas hatte für die ungleichfarbigen Läufer einfach zu viele Minusbauern und verlor, so dass beim Stand von 3,5 – 3,5 nur noch Daniel spielte. Sein Gegner konnte Daniels konsequent geführten Angriff am Königsflügel nur noch zum Preis von zwei Bauern aufhalten. Die Initiative, die er dafür erlangte, währte nur einige Züge. Danach war unser Sieg perfekt.

 

Mit einer Episode beschäftigten wir uns noch angeregt vier Tage später in der 12. Klasse beim Thema Ethik / Gewissen: In der Zeitnot vor dem 40. Zug vergaß mein Gegner einmal die Uhr zu drücken. Wenn nicht die Mannschaft mit betroffen gewesen wäre, hätte ich ihn sicher darauf hingewiesen. So war ich froh, als er es drei Sekunden vor der Zeitüberschreitung noch bemerkte, während ich so tat, als hätte ich nichts bemerkt. Ich glaube, ich konnte diese Unehrlichkeit nur aushalten, weil ich sowieso schon deutlichen Vorteil hatte. Aber was wäre moralisch richtig? Wie urteilt hier wessen Gewissen und warum? Und wenn ich sonst verlieren würde und rette meinem Gegner den Punkt, so dass meine Mannschaft verliert, was sagen dann meine Mitspieler? Ach was, ist jetzt auch egal, drückt halt einfach immer eure Uhren! 

Martin Michaelis